Hinter den Kulissen

Am Anfang steht immer eine Idee. Ein klassischer Shakespeare. Ein moderner Brecht. Ein poetischer Büchner — Und diese Idee soll Wirklichkeit werden: auf der Freitreppe des Welfenschlosses, auf der am Tag viele Studenten sitzen und sich auf ihre Prüfungen vorbereiten, oder im Innenhof des Neuen Rathauses, durch den vormittags der Lieferbetrieb der Stadtverwaltung läuft. Auf den ersten Blick sind dies nicht gerade Orte, die für Theaterveranstaltungen vorgesehen scheinen. Dennoch schafft es das moa theater jedes Jahr aufs Neue, hier die Traumwelt des Theaters entstehen zu lassen. Damit das funktionieren kann, wird hinter den Kulissen bereits viele Monate im Voraus an Dingen gearbeitet, denen die Zuschauer bei den Aufführungen die große Mühe nicht ansehen sollen.

Und je näher die Aufführungen rücken, desto intensiver und hektischer fällt das Ganze aus. Der ganz normale Wahnsinn eines Sommers: In unserer eigenen Werkstatt sägt, hämmert und malt die Bühnengruppe bei Sonne und Regen und macht aus Holz und Farben eine Burgruine, eine Insel aus Quadern, eine riesige Achterbahn oder eine Arena für einen Schauprozess. Die Kostüme — mal klassisch, mal modern — entstehen in liebevoller Kleinarbeit. Hier fehlt noch ein Knopf, dort eine Naht. Wer hat schwarze Lederslipper in Größe 44? Und wie lange hatte der Second-Hand-Laden noch einmal geöffnet? Neben der Schneiderin sitzt die Requisiteurin. Der Regisseur möchte eine Oscar-Figur für das Stück. Sie sprüht goldenen Lack auf die kleine Statue, bevor sie sich noch einmal auf das Fahrrad schwingt, um Munition für die Pistole zu besorgen. Dabei versucht sie, nicht den Lichttechniker zu überfahren, der auf die Leiter klettert, um den Scheinwerfer mit dem Rotfilter ein Stück nach rechts zu schwenken. Die Gruppe für die Öffentlichkeitsarbeit tütet nebenbei in der einen Ecke die Pressemappen ein. Sie haben sich auf fünf Fotos geeinigt, die am vergangenen Wochenende auf der Wiese im Maschpark entstanden sind und hoffentlich in den Tageszeitungen abgedruckt werden. In der anderen Ecke telefoniert die Verantwortliche für die Abendgastronomie mit dem Getränkelieferanten und vereinbart einen Termin, damit die Bierkisten rechtzeitig zur Premiere in den Kühltruhen sind. Eine weitere Gruppe kommt gerade aus der Innenstadt. Sie haben Flyer verteilt und Plakate geklebt und dabei Freunde aus der Uni getroffen. Diese wollen zur letzten Vorstellung kommen. Wer hat die Liste mit den Vorbestellungen? Weiter hinten hält jemand eine Mappe in die Luft und fragt, ob die Uni-Freunde nicht auch am Mittwochabend Zeit haben. Da fehlen noch zwei Leute, die die Abendkasse betreuen. Und schon wird das nächste Handy aus der Tasche gezogen?

Am Anfang steht immer eine Idee. Anschließend wirkt gebaut, genäht, geplant, gefegt, gewischt, geklebt, gesprochen — und dann erst gespielt. Dank der Mühe und der intensiven Arbeit hinter den Kulissen wird jeden Abend aus der staubigen Freitreppe oder dem unbekannten Innenhof eine Welt, die die Zuschauer verzaubert.