2013: Martin Luther und Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung

Dieter Forte

Kauf dir ein Bistum. Kauf dir ein Kardinalsgewand. Kauf dir einen Kaiser.

Bankhaus Fugger zahlt. Und alle wissen: Bankhaus Fugger gewinnt immer.

Um das kreditfinanzierte Erzbistum Mainz zu decken, lässt Kurfürst Albrecht von Brandenburg von den Bürgern Brandenburgs und Sachsens einen neuen Sündenablass erheben. Kurfürst Friedrich von Sachsen mag das nicht. Denn er hat eigene Pläne mit dem Geld seiner Untertanen. Darum hält er seine unsichtbare Hand über einen scheinbar unbedeutenden Mönch, der gerade 95 Thesen gegen den Sündenablass an die Kirchentür von Wittenberg geschlagen hat: Martin Luther…

Uraufgeführt und kontrovers diskutiert im Jahre 1970, wurde Dieter Fortes „Martin Luther und Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung“ zu einem Erfolgsstück der 70er Jahre. Unter zahlreichen Bühnenstücken und Filmen über die Geschichte der Reformation war es das Erste, das sich weniger mit den religiösen, als vielmehr mit den finanzwirtschaftlichen und sozialrevolutionären Aspekten von Reformation und Bauernkrieg befasste.

Im Mittelpunkt der modernen Inszenierung des moa theaters stehen neben den sorgfältig recherchierten geschichtlichen Bezügen gerade die Aktualität und die Relevanz, welche die beschriebenen Vorgänge für unsere Zeit der Bankenkrisen und Wutbürgerbewegungen immer noch oder wieder besitzen:

„Dass die Bezüge auf unsere Zeit so klar und unübersehbar sind, hat mich selbst überrascht. […] Es gibt anscheinend Konstellationen, die sich modellhaft wiederholen…“ (Dieter Forte, 1971)

Vor allem aber zeichnet es ein realistisches Bild des Reformationshelden Martin Luthers: schwankend zwischen einem Revolutionär wider Willen – und einem rebellischen Opportunisten, für dessen Reformationswerk die Bauernbewegung schließlich als „Bauernopfer“ auf der Strecke bleiben muss. Die von Dieter Forte skizzierte Figur spiegelt unseren eigenen menschlichen Zwiespalt wieder: unsere Sehnsucht einzutreten für unsere Ziele – seien sie nun Reformation, Demokratie, Transparenz oder Klimaschutz – und unsere besitzwahrende Kleinmütigkeit und Opportunismus, wenn sie beginnen, uns wirkliche Opfer abzuverlangen.